FarmVille als soziales Phänomen

Es hat mich mal wieder erwischt, und damit will ich nicht nur meine aktuelle Sucht erklären, sondern auch eine Antwort auf die Kommentare zu meinem letzten Post erklären: FarmVille ist ein Phänomen, das mich wirklich beeindruckt!

Online-Spiele, die ihren Reiz eher durch eine soziale Komponente als durch technische Feinheit oder grafische Bombastizität erreichen, gibt es schon lange. Angefangen mit textbasierten MUDs, über EverQuest zu World of Warcraft, alle diese Spiele wären deutlich weniger erfolgreich gewesen, hätten sie nicht so sehr auf die soziale Komponente gesetzt: die Spieler müssen sich miteinander aussetzen, können sich gegenseitig helfen oder bekämpfen, und nicht zuletzt geht es auch immer darum den anderen zu zeigen, dass man die größten Errungenschaften erreicht hat.

Das besondere an FarmVille ist meiner Meinung nach, dass Zynga mit diesem Spiel den Kunstgriff vollbracht hat, gar kein neues Netz aufbauen zu müssen, sondern einfach das bestehende, sehr große Netz der Facebook-Benutzer zu gewinnen. Denn bei jeder Online Community ist die Frage: wie bekommt man sie groß genug, damit sie attraktiv ist? Denn eine kleine Community hilft meistens nicht, das System wird erst interessant, wenn es groß genug ist. Und hier hat FarmVille sehr geschickt den Gesamtsieg davongetragen, indem es durch permanentes Befeuern der Timelines seiner Benutzer sich rasend schnell verbreitet hat, ja, laut Gamesbrief.com ist es das am schnellsten gewachsene social game der Welt: obwohl das Spiel erst seit Juni verfügbar ist, haben im August schon 33 Millionen Menschen gespielt! Das ist ein zehntel aller Facebook Benutzer überhaupt! Ein wahnsinniger Erfolg. Meines Erachtens liegt er vor allem darin begründet, dass man kaum mehr umhin kann, dieses Spiel zu kennen: ohne jegliche Marketingkampagne hat sich das Spiel viral über die Timelines der Benutzer verbreitet. Hinzu kommt, dass die Spieler sich ohne selbst investieren zu müssen täglich kleine Geschenke machen können, die tatsächlichen Wert haben: eine virtuelle Kuh, die nach ein paar Tagen immer wieder virtuelle Milch gibt oder ähnliches. Und natürlich — hier ist jedes Aufbauspiel gleich — einen nicht schlecht gemachten Suchtfaktor, der die Spieler immer wieder dazu bringt, in das Spiel einzutauchen: sei es um die angepflanzten Kürbisse oder Blaubeeren nicht verkommen zu lassen, sei es um Geschenke der Freunde entgegenzunehmen (die vergammeln nämlich im Postkasten, wenn man sie nicht rechtzeitig abholt), oder sei es um den Fortschritt seiner Freunde mitzufeiern — und dafür einen kleinen Bonus zu bekommen. Immer wieder startet man dieses kleine Spiel direkt in Facebook. Ich könnte wetten, dass in die Entwicklung des kleinen Flash Spielchens relativ wenig Zeit geflossen ist, und dass die Entwickler viel mehr (aber immer noch nicht so viel wie beispielsweise WoW) Energie in die soziale Komponente gelegt haben. Auch wenn einige Facebook Benutzer von dem ganzen „Spam“ in der Timeline genervt sind, immerhin kennen sie das Spiel. Und die, die es spielen, werden immer wieder reingezogen. Genial.

Für Zynga ist FarmVille wahrscheinlich ein großartiger finanzieller Erfolg: bei (vermutlich) geringem Entwicklungsaufwand erreicht man in kürzester Zeit ohne großes Marketingbudget 33 Millionen Spieler. Jeder Spieler, dem das normale Anpflanzen zu langsam geht, kann die virtuellen Währungen Coins und Cash auch mit echtem Geld per Kreditkarte erwerben, um noch schneller zum eigenen, virtuellen Trecker zu kommen. Und sie tun es! Auch wenn nur ein ganz geringer Bruchteil der Spieler dies tut, es lohnt sich ganz bestimmt.

Was hat das jetzt mit Politik zu tun? Nun, ich denke viel. FarmVille bzw. seine Erschaffer Zynga haben es geschafft, sich ein bestehendes social network zu Nutze zu machen, das schafft in Deutschland keine politische Partei, nicht mal die Piraten, deren Heiat doch das Netz ist. Und von denen mal abgesehen hat keiner der „großen“ Politiker in Berlin auch nur ansatzweise verstanden, welche Potentiale im Netz sind, die sind doch stolz wenn sie E-Mail verstehen und in ihrem Abgeordnetenbüro jemand den Werbe-Facebook Account mit unkommentierbaren pseudo-Blogposts befeuert. Auf meinen letzten Blogpost zum Thema Demokratie 2.0 habe ich zwei Antworten erhalten (und auch offline ähnliches gehört), die im wesentlichen aussagen, dass die Menschen diese Art der Beteiligung gar nicht anstreben würden und sich zu sowas auch nicht bewegen lassen würden. Die Gefahr, dass ein solches System Ziel von Hackern werden würde, ist natürlich auch groß. Aber ich glaube, EverQuest hat vorgemacht, dass man solche Systeme sicher bauen kann, denn es ist in zehn Jahren Betrieb nie ernsthaft gehackt worden (mal abgesehen von harmlosen bot scripts zum Exp farmen). Und FarmVille zeigt, wie man eine Community gewinnt. Es ist alles eine Frage der Herangehensweise, der Medienkompetenz und der Aufgeschlossenheit der neuen Kultur gegenüber. Das Internet verändert unser aller Leben, und die etablierten Parteien versuchen hilflos mit einem Stoppschild zu reagieren. So lächerlich, traurig, und in der Ignoranz gefährlich ist es, wenn man sich nicht ernsthaft damit beschäftigt, wie sich die Gesellschaft ändert. Wenn man sich die neuen Medien wie social Networks jedoch zu Nutze macht, wird man stinkereich und weltberühmt wie Zynga.

Genug geschrieben. Ich bekam gerade eben von TweetDeck angezeigt, dass mein Kollege einen White Ribbon für „Noah’s Ark“ bekommen hat, und wenn ich mitfeiere (einmal klicken), bekomme ich 100 Coins. Noah’s Ark Ribbons bekommt man übrigens, wenn man auf anderer Leute Meldungen klickt, die aussagen, dass auf deren Farm ein Tier rumläuft, und es damit adoptiert. Keine Kosten, nur Spaß, nur klicken, immer drin sein. Und mitfeiern. Die habens raus. Und ich bin drin.

7 Antworten so far »

  1. 1

    Christian said,

    Und ich bin nicht drin, und habe komischerweise auch gar kein Bedürfnis dazu. Komischerweise, weil ich ansonsten sehr gern und intensiv auf diverse Zeitvertreib-Züge aufspringe. Zum Glück kann man den Farmville Kram in der Timeline ausblenden. Auch Everquest, World of Warcraft etc. haben mich nie bekommen. Aber Du musst Dich da ja auch quasi von Berufs wegen mit beschäftigen :))

    • 2

      tobybaier said,

      Ja sicher, Spiele sind nicht jedermanns Sache. Ich wollte auch nur zeigen, dass man vor der Aufgabe, eine Online Community zum Fliegen zu bringen, nicht zurückschrecken darf. Würdest Du Dich raushalten, wenn es nicht FarmVille mit seinen virtuellen Apfelbäumen, sondern E-Democracy mit Entscheidungen über die reale Welt wäre?

      • 3

        Christian said,

        Dann würde ich zumindest länger überlegen. Bliebe aber abzuwarten, ob eine E-Democracy etwas gegen meine momentane Politikverdrossenheit ausrichten könnte. Und warum sollte, nur weil Farmville funktioniert auch E-Democracy funktionieren? Ich glaube es kommt den Leuten auf die Inhalte an. Am Wochenende rennen die Leute Massenhaft zum Fußball, aber in die Kirche gehen weitaus weniger Leute (ich auch nicht). Beim Fußball kann man halt mehr Spass haben. Haben wir Spass mit Politik? Ich glaube eher weniger. Es sei denn, wir wählen alle Westerwelle und seine Spass-FDP. Ach nee, die sind ja in diesem Wahlkamof wieder seriös geworden. Also: Kein Politik Spass, sondern der Ernst des Lebens🙂

  2. 4

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  3. 5

    Dominik said,

    Es ist schon erstaunlich, wie schnell sich dieses Spiel verbreitet hat.
    Ich selber bin Farmville nicht beigetreten und werde es wohl auch nicht machen. Dazu nerven mich die Meldungen viel zu sehr.
    Auf der anderen Seite ist es aber nicht erstaunlich, sondern einfach nur ein genialer Schachzug von Zynga, das Spiel kostenlos bei Facebook anzubieten.
    Nun fehlt nur noch, dass die Politik auch bei Facebook integriert wird.🙂

  4. 6

    Sven said,

    Das erinnert mich an diese MMORPGs. Und die beruhen immer auf einem Belohnungssystem, auf der Weiterentwicklung der eigenen Figur, die reicher und mächtiger wird. Daher rührt der Suchtfaktor. Es fällt mir schwer, das gedanklich auf direkte Demokratie zu übertragen. Dort ist Gleichheit gefragt.

    Was die politische Diskussion betrifft, könnte Wikipedia als Vorbild herhalten. Man kann schon Stunden damit verbringen, zu lesen und hier und da etwas zu ändern und zu ergänzen. Ich könnte mir vorstellen, dass in einem ähnlichen Rahmen etwas möglich wäre. Die Piraten pflegen ihr Parteiprogramm ja auch in einem Wiki. Der Versuch, die Europäische Verfassung in einem Wiki zu entwickeln, ist aber kläglich gescheitert.

    • 7

      tobybaier said,

      Ein Grund dafür, dass das so kläglich gescheitert ist, könnte ja sein, dass man sich nichts davon erhofft hat: ein Belohnungssystem für Politik ist ja Einflussnahme. Bei Wikipedia reicht es, wenn der Artikel / die Änderung drin ist, schon fühlt man sich gut. Bei Politik reicht das nicht, da will man nicht nur eine Webseite verändern, sondern Entscheidungen beeinflussen. In die Richtung müsste es gehen… genaue Vorstellungen habe ich aber leider auch nicht.


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